Zeitungsberichte und aktuelle Meldungen rund um die Freiwillige Feuerwehr Köln


Schneise der Verwüstung in NRW



VON PETER BERGER UND THORSTEN MOECK


Düsseldorf/Köln - Tote, Verletzte und Millionenschäden: Orkantief "Kyrill" hat in Nordrhein-Westfalen eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Bei dem schlimmsten Unwetter seit mehr als vier Jahrzehnten kamen fünf Menschen ums Leben. Nach Angaben des Innenministeriums gab es rund 140 Verletzte, der Sachschaden liegt bei mehr als 30 Millionen Euro. Zehntausende Einsatzkräfte waren am Freitag im ganzen Land mit Aufräumarbeiten beschäftigt, zahlreiche Straßen waren noch gesperrt. Der eingestellte Zugverkehr lief nur schleppend wieder an. Rund 4000 Reisende mussten die Nacht zum Freitag in Bahnhöfen, Schulen oder Jugendherbergen verbringen. Die Orkanböen erreichten Spitzenwerte von 144 Stundenkilometern.
Die Auswirkungen von "Kyrill" sind bei Tageslicht vielerorts sichtbar: Zahllose Bäume sind umgeknickt wie Streichhölzer, Geäst liegt herum, abgebrochene Verkehrsschilder säumen die Straßen im Sauerland. Auf Dächern fehlen Ziegel und Fernsehantennen, von manchen Gebäuden - wie bei einem Gemüsegroßhandel im Kreis Neuss und einer Schule in Steinfurt - flog gleich das komplette Dach weg. Rund um ein Musical-Zelt in Köln sind zerfetzte Bauteile, Zäune und Planen verstreut. Von einer Brunnenabdeckung auf der Domplatte lösten sich Holzbohlen, schlugen durch ein Fenster des Römisch-Germanischen Museums und landeten auf dem weltberühmten Dionysos-Mosaik - "ein Super-Gau", klagt Museumsdirektor Hansgerd Hellenkemper.
Fünf Menschen in NRW kamen ums Leben. Im sauerländischen Finnentrop prallte ein 22-Jähriger mit seinem Auto gegen einen umgestürzten Baum, eine Autofahrerin in Lippstadt und ein Motorradfahrer in Essen wurden von Bäumen erschlagen. Zwei Feuerwehrleute verloren bei Sturm-Einsätzen ihr Leben. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und Innenminister Ingo Wolf (FDP) sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus und hoben die Einsatzbereitschaft der Hilfskräfte hervor. Bis zum Freitagnachmittag rückten Polizei und Feuerwehr zu insgesamt mehr als 50 000 Einsätzen aus. Die Bahn rechnete nach Angaben eines Sprechers damit, dass einige Strecken erst am Montag wieder befahrbar sein werden. Oberleitungen seien beschädigt und Gleise durch unzählige Bäume blockiert. Für die am Donnerstagabend gestrandeten Reisenden hatten Hilfsorganisationen Feldbetten, Essen und Getränke besorgt. Auch den Luftverkehr wirbelte "Kyrill" durcheinander. Insgesamt fielen an den NRW-Flughäfen 200 Flüge aus.
An den Taxiständen bildeten sich lange Schlangen von Wartenden. "Von den Fahrern ist keiner nach Hause gefahren und hat sich in die Garage gestellt", sagte Rudolf Kämpf von Taxi Düsseldorf. "Den Leuten war es ganz egal, was für Autos noch da waren - Hauptsache, sie kamen weg", meinte der Mitarbeiter einer Autovermietung am Düsseldorfer Hauptbahnhof.
Etwa 2000 Mitarbeiter der Straßenmeistereien befanden sich im Dauereinsatz. Der Verkehr auf den Autobahnen normalisierte sich am Freitag wieder. Mehrere Bundes- und Landesstraßen dagegen waren noch gesperrt, vor allem im Sauer- und Siegerland sowie im Oberbergischen Kreis. In mehreren Regionen war der Strom ausgefallen. Deshalb sicherten Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) vor allem in ländlichen Gebieten die Notstromversorgung auf Bauernhöfen und in kleineren Ortschaften. Der Orkan zerstörte auch große Teile von Waldgebieten. Die Landesforstverwaltung hat das Betreten von Wäldern aus Sicherheitsgründen verboten. Die Hochwasserlage an Ruhr, Lenne und Vollme blieb angespannt.
Im Landkreis Siegen-Wittgen sowie in der Stadt Dortmund wurde Katastrophenalarm ausgerufen. Zahlreiche Schüler kamen am Freitag nicht zur Schule. Eltern konnten selbst entscheiden, ob ihr Kind zu Hause bleiben sollte. "Mehrere Eltern haben heute Morgen sogar im Ministerium angerufen, um zu sagen, dass sie ihr Kind nicht zur Schule schicken wollten", sagte ein Sprecher des Schulministeriums. Wegen der Zeugnisausgabe endete der Unterricht in vielen Schulen aber ohnehin früher als sonst.
Auch den Zoos machte der Sturm zu schaffen. Im westfälischen Isselburg beschädigte ein umgestürzter Baum einen Zaun des Bärenparks. Der Park-Pächter legte sich vorsichtshalber mit einem Betäubungsgewehr auf die Lauer, musste es aber nicht benutzen. "Bei so einem Wetter gehen auch die Bären nicht vor die Höhlen", meinte ein Polizeibeamter.

(dpa)

(Quelle: KSTA- Online vom 19.01.2007)