Zeitungsberichte und aktuelle Meldungen rund um die Freiwillige Feuerwehr Köln


„Chemie-Alarm“ an der Scheibenstraße



VON THORSTEN MOECK


Viele Länder haben auf diesem Gebiet noch hohe Defizite.

Das Szenario in der neuen Wagenhalle der Kölner Feuerwehrzentrale wirkt gespenstisch. Männer in weißen Schutzanzügen, luftdicht abgeklebten Gummistiefeln, Handschuhen und Atemschutzmasken schneiden einem Verletzten die Kleider vom Leib. Anschließend stülpen sie eine Taucherbrille über seine Augen, duschen den Mann in einem Container ab und reiben mit Schwämmen über seine Haut. Die Kölner Retter proben den Chemie-Alarm. Doch dies ist keine normale Übung, denn zu Gast sind Abordnungen der Nato, der Europäischen Kommission sowie Vertreter aus 22 EU-Staaten und Norwegen.

Das Bundesinnenministerium hat im Zuge der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ein Aktionsprogramm gestartet, um im Ernstfall europaweit auf chemische Unfälle und Terroranschläge reagieren zu können. Nur wenige Feuerwehren in Europa sind auf die Bergung kontaminierter Personen vorbereitet. „Viele Länder haben hier Defizite“, sagte Pia Bucella, Direktorin der Umweltbehörde der Europäischen Kommission. Das Motto der deutschen Ratspräsidentschaft lautet „Europa sicher leben“. „Hierbei darf es nicht nur um Kriminalitätsbekämpfung gehen, sondern auch um Chemieunfälle und Anschläge“, betonte Peter Altmaier, Parlamentarischer Staatssekretär des Innenministeriums. Der Anschlag mit Sarin-Gas auf die U-Bahn in Tokio 1995 habe auch in Europa ein Umdenken bewirkt.

Noch bis zum Jahr 2000 war auch die Kölner Feuerwehr nur unzureichend auf Seuchen-Einsätze vorbereitet. Seit dem vergangenen Jahr verfügen die Retter über einen hochmodernen „Umweltschutzcontainer“, der bei der Bergung kontaminierter Personen eingesetzt werden kann. „Gerade bei uns ist das wichtig, weil Köln von einem Chemiegürtel umgeben ist und auf den Autobahnen viele Gefahrguttransporter unterwegs sind“, sagte Kölns Feuerwehrchef Stephan Neuhoff. Inzwischen ist die Kölner Feuerwehr so gut ausgebildet, dass die gesamte Anlage zur Reinigung verseuchter Personen innerhalb von 15 Minuten nach Eintreffen an der Unglücksstelle steht.

Der Ernstfall läuft jedoch nur selten so glatt wie in der Übung geprobt. „Wenn der Rettungsdienst eintrifft, ist oft gar nicht bekannt, dass der Verletzte mit einer chemischen Substanz in Berührung gekommen ist“, sagte Kölns Leitender Notarzt Alex Lechleuthner. Besteht der Verdacht eines Chemie-Unfalls, werden neuerdings die Kleider der Verletzten beschlagnahmt und auf chemische Substanzen untersucht. Vor allem bei Groß-Katastrophen sollen die Retter gut vorbereitet sein. „Wir überlegen, wie wir uns besser auf einen Massenanfall von Verletzten vorbereiten können“, sagte Staatssekretär Altmaier. Im März muss der Bundestag entscheiden, ob die Feuerwehren in allen Bundesländern mit speziellen Dekontaminations-Fahrzeugen ausgestattet werden. „Dies sollte Standard sein, damit wir nicht nur auf die Bundeswehr angewiesen sind“, sagte Altmaier. In Zukunft soll die europäische Zusammenarbeit der Feuerwehren fortgesetzt werden. Dann soll auch der Umgang mit atomaren und biologischen Schadstoffen geprobt werden.

(Quelle: KSTA-Online vom 23.02.2007)